Oktober 12

Positives Denken und Affirmationen allein reichen nicht

Positives Denken und Affirmationen sind hilfreicher als negative Gedanken - das definitiv. Aber es reicht nicht, sich vor den Spiegel zu stellen und sich einfach nur zu sagen: „Ich bin selbstbewusst.“ Oder „Ich kann alles erreichen, was ich mir vornehme.“ Oder wie die positive Botschaft auch immer lautet.

Da hilft auch eine Wiederholung über mehrere Wochen nicht. Jedenfalls nicht, wenn es beim Denken oder Aussprechen des Satzes bleibt.

Was es braucht, ist ein Verankern der Botschaft im Körper. Sonst hat das Ganze keinen Boden, hat weder Hand noch Fuß.

Ohne Körper geht es nicht

Alles, was wir tun, denken oder fühlen, tun wir mit unserem Körper. Und natürlich wirkt sich auch unser Erleben auf unseren Körper aus und spiegelt sich in ihm wider.

In der Psychologie und der Kognitionswissenschaft bezeichnet man diese Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche als Embodiment (übersetzt: Verkörperung, Verleiblichung). Aus der Forschung wissen wir, dass alles, was wir erleben, nicht nur im Gehirn (genauer: im Großhirn), sondern auch in den Zellen unseres Körpers gespeichert wird.

Vier Beispiele für Embodiment

Unsere Stimmung beeinflusst unsere Körperhaltung. Dadurch kann man von außen erkennen, in welcher Stimmung jemand ist:

  • Stress: Wenn wir gestresst sind, weil wir zu viel um die Ohren haben, weil schwierige Entscheidungen anstehen oder weil wir gerade etwas Belastendes erleben, dann wirkt sich das unmittelbar auch auf unseren Körper aus. In dem Fall auf die Muskulatur. Wir fühlen uns angespannt - unser Nacken und die Schultern sind angespannt, die Kiefermuskeln sind fest, der Bauch ebenso.
  • Niedergeschlagensein: Wenn wir uns traurig, niedergeschlagen, mutlos fühlen, dann sieht man das ebenfalls an unserer Körperhaltung. Der Kopf sinkt nach vorn, die Schultern ebenfalls, die Arme hängen oft kraftlos herunter, wir schleichen eher, als dass wir energiegeladen ausschreiten.

Umgekehrt können wir durch unsere Körperhaltung aber auch unsere Stimmung verändern. Sowohl im negativer als auch in positiver Richtung. In positiver Richtung geht es zum Beispiel so:

  • Lächeln: Stell dich vor einen Spiegel und lächle das Spiegelbild an. Zieh die Mundwinkel nach oben. Ja, das ist erst einmal ein künstliches Lächeln, du wirst aber nach zwei, drei Minuten merken, dass dadurch deine Laune besser wird. Der Körper schüttet Glückshormone aus, du fühlst dich leichter und besser.
    Oder du probierst den Bleistift-Trick aus: Nimm einen Bleistift quer zwischen die Zähne, halte ihn mit den Zähnen fest und achte darauf, dass die Lippen den Bleistift nicht berühren. Auch dadurch werden die im Gesicht fürs Lachen und Lächeln zuständigen Muskeln aktiviert - deine Stimmung steigt.
  • Power-Posing: Stell dich breitbeinig hin (Beine hüftbreit), hebe die Arme und breite sie weit aus. Damit richtest du dich automatisch auf und weitest deinen Brustkorb. Wenn du so ein, zwei Minuten stehst, wirst du merken, dass du dich kräftiger, positiver und auch selbstbewusster fühlst. Amerikanische Wissenschaftler um Amy Cuddy wollen in Experimenten nachgewiesen haben, dass solche Power-Posen den Testosteronspiegel heben - andere Wissenschaftler konnten die Ergebnisse nicht replizieren. Trotzdem: Probiere es aus. Für mich und für eine Reihe meiner Klient*innen funktioniert das Power-Posing.
    Eine andere Power Pose zeigt Amy Cuddy auf dem Foto: Fester Stand, Hände an die Hüften - wie die Superheldin Wonder Woman.
  • Positives Denken Amy Cuddy Powerpose

    Was heißt das nun?

    Persönliche Veränderung oder persönliches Wachstum funktioniert nur, wenn nicht nur der Intellekt, sondern auch der Körper einbezogen wird. Nur darüber sprechen oder intellektuell verstehen, was man tut, reicht nicht: Die Veränderung muss im Körper verankert werden. Und zwar so:

    1. Zuallererst durch Wahrnehmung: Wie fühlt es sich im Körper an, wenn ich ... fühle? Wo im Körper spüre ich das? Was geschieht im Körper, wenn ich etwas Bestimmtes denke (zum Beispiel eine negative oder eine positive Botschaft)?
    2. Und dann durch bewusste Beeinflussung meines Körpers: durch Bewegung, durch gezielte Aufmerksamkeitslenkung, durch Verstärken eines Gefühls, durch bestimmte Körperhaltung oder Gestik, durch Atmung oder auch über die Stimme.

    Auf diese Weise ist es möglich, Gefühle, aber auch Überzeugungen oder positive Botschaften stärker im Körper zu verankern. Und das reicht dann tiefer und ist auch nachhaltiger als positives Denken.

    Wie man auf diese Weise seine Selbstakzeptanz stärken kann, habe ich ausführlicher in einem zweiten Blogbeitrag beschrieben.

    Auch in meinem Online-Kurs „Gut genug statt Selbstzweifel“ nutzen wir ausgiebig Embodiment-Methoden, um zum einen das Selbstwertgefühl zu stärken und das zum anderen tief im Körper zu verankern.


    Bildquellen

    Das Titelfoto ist von Depositphotos lizenziert. Das Foto von Amy Cuddy stammt von Erik (HASH) Hersman und ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ lizenziert.


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